Sonntags um 10.00 Uhr ist also ein Fixtermin in unserer Agenda. Aber am Nachmittag oder abends, so wie es zeitlich passt, feiern wir gerne unseren kleinen Familiengottesdienst. Dies tun wir nun schon bald zwei Jahre. Wir, das sind vier Kinder zwischen zwei und acht Jahren plus wir Eltern. Was wir dabei alles dazugelernt haben, beschreibe ich gerne in diesem Beitrag.
1. Neu erfinden gehört dazu
Als wir anfingen, war unser ältestes Kind sechs Jahre alt. Wir starteten mit einer Geschichte aus unserer «Standard-Kinderbibel» und ein paar Liedern mit Adonia-Kids-TV. Mit der Zeit entdeckten wir das gemeinsame Musizieren und begannen, mit einfachen, teils selbst gebastelten Instrumenten Kinderlieder zu singen. Unser Sound erinnerte wohl an die Bremer Stadtmusikanten: viel Leidenschaft, aber nicht für alle Ohren geeignet. Von da an ging es nicht lange und die älteren Kinder entdeckten ihre Freude an Erwachsenenliedern. So begannen wir, einzelne dieser Lieder einzuweben. Dies, während die kleineren Geschwister erst dabei waren, die Kinderlieder überhaupt für sich zu entdecken. So verschieben sich die Interessen der Kinder immer wieder, vielfach altersbedingt, und wir lernten, dass die Formen, die wir jetzt entdeckt hatten und die jetzt funktionierten, schon nach wenigen Monaten möglicherweise nicht mehr klappen. Das heisst, es ist gar nicht so einfach, ein standardisiertes Modell für einen Familiengottesdienst zu präsentieren.
Auch die Geschichten nahmen ihren Weg. Manchmal reichte es, eine neue Kinderbibel zu nehmen, um die Kinder wieder voll dabei zu haben. Dann entdeckten wir das Kreativ-Erzählen von Geschichten mit Playmobil und anderen Gegenständen. Manchmal scheint eine Geschichte aus Adonia Kids TV passend, ein andermal entdecken wir mit den Kindern erste Kapitel aus einer richtigen Bibel. So versuchen wir mit Abwechslung eine Mischung zu finden, die sich mal eher an die Älteren, dann eher an die Jüngeren richtet. Und wir versuchen, sie so zu gestalten, dass alle etwas davon haben.
Im Prinzip erfinden wir unseren Familiengottesdienst immer wieder neu. Nicht gänzlich, denn die Grundstruktur bleibt mehrheitlich gleich: Wir singen Lieder, beten, hören eine Geschichte und machen noch etwas anderes. Was genau noch, erläutere ich später. Aber jeder dieser Blöcke ist ständig verändernden Umständen ausgesetzt. Und offen gesagt, ist das gut. Es fordert uns heraus, den Glauben immer wieder sprachfähig für unsere Kinder zu machen. Und als Ehepaar ringen wir gemeinsam nach Wegen und Möglichkeiten. So versuchen wir, die Kernwahrheiten einzubauen, achten auf passende Bücher und Geschichten und sind auf der Suche nach passenden Liedern. Kurz gesagt: Wir bleiben wach und sind sensibel für eine Sprache und Methodik, die unsere Kinder verstehen.
Aber etwas sehr Wesentliches haben wir doch gelernt, wovon wir heute die Finger lassen, nämlich:
2. Staple nicht zu hoch, die Kinder machen’s ohnehin grösser
Zuerst fanden wir es spannend, den Gottesdienst immer grösser werden zu lassen. Damit haben wir aufgehört. Denn wir haben gemerkt, dass die Kinder mit ihrer Begeisterung immer alles noch grösser machen wollen. Schlugen wir vor, dass eines von ihnen den Gottesdienst moderieren könnte, wollten sie ein Mikrofon und eine Bühne dafür. Wollten wir neue Instrumente dazunehmen, schleppten sie Verstärker, Stühle und Notenständer heran. Liessen wir sie bei der Liedauswahl mitreden, wollten sie vorgängig eine Sitzung.
Wir haben etwas Wichtiges gelernt: Kinder wollen sich einbringen. Aber sie wollen nicht einfach umsetzen, was wir vorschlagen, sondern ihre eigenen Ideen einbringen. Darüber freuen wir uns. Das heisst für uns, dass wir das in unserer Planung einkalkulieren. Wir kündigen den Gottesdienst nur so gross an, dass sie ihn noch grösser machen können. Zum Beispiel heisst das:
- Wir schleppen nicht die grossen Instrumente heran, sondern warten ab, ob sie einen auf grosse Band machen wollen.
- Wir starten den Gottesdienst und stellen uns innerlich darauf ein, dass ein Kind vielleicht spontan moderieren will. Aber von der noch zu bauenden Bühne spricht dann niemand mehr, weil die Moderation selbst ja schon Kreativität freisetzt.
- Manchmal reden wir auch schon beim Mittagessen über den Gottesdienst und hören zu, welche Ideen aus unseren Kindern heraussprudeln – und welche davon wir zusammen realisieren können.
So können sie sich im Gottesdienst einbringen, aber überfüllen ihn nicht. Das ist wichtig, denn vorher wurde uns der Aufwand fast zu gross. Gut und gerne konnten die Kinder dann noch eine Stunde in die Vorbereitungen investieren. Ihre Erwartungen an das geplante Erlebnis wurden dadurch aber nicht kleiner, was schnell für Spannungen sorgte. Und auch die Durchführung zog sich in die Länge. Und ehe wir uns versahen, füllte ein eigentlich 45-minütiger Familiengottesdienst den ganzen Sonntag. Das war nicht das Ziel. Mit unserer neuen Herangehensweise sind wir besser gerüstet.
3. Geh ein Risiko ein
Und nun zu diesem weiteren Element, das noch dazugehört: Risiko. Als Eltern sehen wir uns in einer Jüngerschaft mit unseren Kindern. Wir wollen ihnen den Glauben zeigen und vorleben, aber auch mit ihnen leben und entdecken. Das lässt sich aber nur begrenzt mit Geschichtenerzählen tun. Es soll praktisch werden. Gott entdecken und erleben können wir da, wo es auch für uns selbst nicht mehr kontrollierbar ist. Wir versuchen, Gott Raum zu geben und als Familie Glaubensexperimente zu machen. Es sind Momente, in denen wir Eltern darauf angewiesen sind, dass Gott anwesend ist und wirkt. Daher haben wir neuerdings eine kleine Schatzkiste gemacht mit vielen Ideen auf kleinen Zettelchen. Jeweils am Samstagabend ziehen meine Frau und ich ein Zettelchen und lassen uns überraschen. Da stehen Dinge drauf wie «hörendes Gebet», «Gebetsspaziergang» oder «Liebesbrief an Jesus schreiben». Kürzlich stand dann auf dem Zettel «Lebensberichte». Nun gut, das hiess, einen Zeugnisteil zu gestalten mit vier Kindern unter 9 Jahren. Wir planten ein Instrumentallied in unseren Gottesdienst ein und gaben den Kindern Zeit zum Überlegen. Und anschliessend erzählten wir einander unsere Erlebnisse mit Gott. Wir waren berührt, zu hören, wo die Kinder mit Gott Erlebnisse machen. Gott war anwesend.
Wir entscheiden uns immer wieder, kleine und grosse Risiken einzugehen. Glaubensschritte, die wir nicht mehr in der Hand haben. Weil wir uns wünschen, dass unsere Kinder und wir darin Gott kennenlernen und er ein Gott des Alltags werden darf.
Zum Schluss lasst mich noch ein paar Punkte ehrlich benennen. Nicht immer haben wir Lust auf diesen Gottesdienst. Und längst nicht immer bereiten wir ihn vor. Etwa jedes zweite Mal stolpern wir hinein und entwickeln ihn, während er schon geschieht. Weil wir müde sind oder weil das Wochenende schon so voll ist. Und wir führen ihn auch nicht jeden Sonntag durch. Manchmal vergessen wir ihn, manchmal hat es keinen Platz. Aufs Jahr gesehen findet er wohl im Schnitt alle zwei Wochen statt. Und ja, unsere Kinder haben auch nicht immer Frieden. Es gibt Gottesdienste, die regelmässig von Streitereien unterbrochen werden. Das würden wir uns heiliger wünschen. Aber so ist es halt in einer Familie. Oder zumindest bei uns.
Aber regelmässig finden wir am Abend bei unserer Dankesrunde heraus, dass der Familiengottesdienst für die Kinder zum Höhepunkt des Tages gehörte. Und immer wieder mal fragen sie am Sonntag, wann nun der Familiengottesdienst stattfinde. Das motiviert uns, ihn weiter beizubehalten und weiterzuentwickeln.

Josias Burgherr
Leiter Young Generation
Josias ist verheiratet und lebt mit seiner Familie im Aargau. Als Teamleiter Young Generation darf er in den Bereichen Kinder, Teenie, Jugend und Familie mitwirken und unterstützen. Sein Herz brennt dafür, dass Kinder und Jugendliche die Liebe Gottes erleben dürfen. Neben Young Generation schreibt und gestaltet er als Leiter Kommunikatin für die Viva Kirche Schweiz.








